14.01.2023

Politik und KI: 
Warum ChatGPT vieles verändern könnte

Durch ihre Fähigkeit, blitzschnell akkumuliertes Wissen anhand präziser Vorgaben auszuwerten und konkrete Handlungsanweisungen zu geben, könnten KI-Softwares wie „ChatGPT“ den politischen Betrieb massiv verändern.

Seit im November 2022 „ChatGPT“ für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist, haben vor allem Content-Creator-Gurus auf Twitter & Co. damit begonnen, das Möglichkeitsspektrum dieser KI-Software auszuloten (und auszuschöpfen).

ChatGPT (GPT: Generative Pretrained Transformer) kann etwa in wenigen Augenblicken Fehler in einem komplexen Quellcode aufdecken (was manchmal, Webentwickler:innen können davon ein trauriges Lied singen, Stunden oder gar Tage beansprucht); oder Antworten auf beliebige Fragen liefern (ähnlich einer Suchanfrage auf Google, nur mit dem Unterschied, dass Google bereits im Web vorhandene Inhalte findet, diese aber nicht zu einer neuen, umfänglichen Antwort kompiliert).

Die Bedienung ist maximal einfach: Nach dem Login kann man, genau wie in jeder Suchmaschine, in einem einfachen Eingabefeld sein Anliegen schildern, woraufhin ChatGPT seine Antwort schreibt, tatsächlich wie in einem Chat.

Vor diesem Hintergrund stellt sich unweigerlich die Frage, welches Veränderungs- und Disruptionspotenzial in ChatGPT und vergleichbaren Softwares schlummert, welche Chancen und Gefahren von KI ausgehen.

Und die Politik ist durch ihren Einfluss ein ganz besonderer Bereich, für den sich diese Frage stellt. Durch den beeindruckenden technischen Fortschritt, den ChatGPT gerade demonstriert hat, gewinnt der Einfluss von KI auf Politiker:innen, das Politikmachen, zumal in einer Demokratie, gerade ganz erheblich an Relevanz und sollte naturgemäß von der Politikwissenschaft mit besonderem Augenmerk bedacht werden.

Der Einfluss von KI auf soziale Verhältnisse und gesellschaftliche Hierarchien

Denkbar ist zweierlei: KI könnte die sozialen Verhältnisse sowohl verfestigen als auch verändern. Bereits ressourcenstarke Gruppen, die entweder kenntnisreiches Personal zum effizienten Umgang mit KI engagieren oder auf Grundlage eigener Kenntnisse selbst mit der KI interagieren können, wären in der Lage, ihren Wissens- und Finanzvorsprung auszubauen. Einerseits. Andererseits könnten ressourcenschwache Gruppen, die spezifische Kenntnisse erlernen oder qua Begabung bereits besitzen, der KI in atemberaubender Geschwindigkeit Erkenntnisse und Texte entlocken, an die sie selbst nicht gekommen wären.

Kurz gesagt: Jene Menschen, die bereits viel besitzen (Wissen, Geld), könnten diesen Besitz vervielfachen – ebenso wie allerdings auch jene Menschen mit geringem Besitz aus ihren wenigen Ressourcen mehr als jemals zuvor herausholen könnten.

KI gesetzlich und politisch regulieren

Der Einsatz von KI ist zweifellos ein Thema, dem sich die Politik nicht entziehen darf. Doch kommt die Sprache auf eine politische Regulierung von KI-Systemen, so geht es meist um Zurückdrängen, um die Einhegung von Risiken, wenn man so will: um eine Domestizierung von KI.

Und das ist natürlich richtig; die Domestikation von KI-Systemen ist jedoch nur ein relevanter Aspekt, dem sich die Politik widmen (und stellen) muss. Ein anderer ist indes, eine gesellschaftlich gerechte KI-Nutzung zu gewährleisten – dass die ungeheuren Beschleunigungspotenziale von KI-Systemen nicht nur privilegierten Gruppen in der Gesellschaft vorbehalten sind, dass also soziale Gruppen nicht abgehängt werden, dass es eine sozial gerechte Verteilung von KI-Zugängen gibt, eine KI-Partizipation sichergestellt wird.

Zumal, die immense Kapazität von KI speist sich ja nicht zuletzt aus der Vereinnahmung kollektiven, frei zugänglichen Wissens. Unter diesem Aspekt ließe sich auch rechtfertigen, weshalb KI-Entwicklungsunternehmen bestimmten Reglements unterliegen könnten, die einen gleichfalls kollektiven Zugang zu KI-Systemen erstreben – damit Softwares wie ChatGPT nicht nur einer zahlungskräftigen Elite vorbehalten sind.

Kurzum: KI kann in den kommenden Jahren zu einem bedeutsamen Parameter sozialer Gerechtigkeit werden. Und was die Regulierung von KI durch die Politik, durch Gesetze, anbelangt, so sind beide Richtungen denkbar – die Einschränkung (um Menschen vor KI zu schützen) und die Erweiterung (um möglichst viele Menschen von KI profitieren zu lassen).

KI und politische Karrieren: Wie werden ChatGPT & Co. die Politik verändern?

Abgesehen davon, dass sich mit KI-Systemen und dem gesellschaftlichen Umgang mit ihnen ein neues Politikfeld erschlossen hat, stellt sich die Frage, wie KI jenseits dieser Policy-Ebene auch die Abläufe der Politik selbst, Politics also, verändert.

Für ChatGPT zum Beispiel entwickelt sich gerade ein lebendiger Markt von Coaches und Content Creators, die ihr Publikum und ihre Kund:innen in der möglichst effizienten, ertragreichen Bedienung dieses KI-Systems unterweisen.

Die Systematik ist relativ simpel: Über Prompts, Texteingaben, lassen sich der KI Fragen stellen oder Aufträge erteilen. Nur wer die richtigen Fragen stellt, bekommt auch verwertbare Antworten. Dabei kann man der KI das gewünschte Format, den Umfang, sogar das Ziel vorgeben. Sie ist in der Lage, anhand von Textproben einen Duktus, eine Tonalität zu adaptieren, in der sie dann ihre Antworten in der gewünschten Länge formuliert, als Text, Liste oder Entwurf.

Man kann ihr konkrete, sehr präzise Vorgaben machen à la: Stell dir vor, du bist ein Experte zum Thema X und gibst mir Ratschläge – coache mich darin, das Ziel Y zu erreichen; favorisiere Antworten und Aspekte von größtmöglicher Originalität, die nur wenigen bekannt sind.

Aus dieser Fähigkeit lässt sich jedenfalls die Frage nach ihren Auswirkungen auf das Politikmachen ableiten. Vollziehen sich Wahlkämpfe zukünftig anhand von Prompts, also Eingaben, die KI-generiertes Wissen extrahieren sollen („Prompt-Politik“)? Ist künftig jener im Vorteil, der die besten Prompts tippt? Oder wird politisches Peripheriepersonal in den Stäben, werden die Maschinist:innen der Macht primär nach dem Kriterium rekrutiert werden, wer aus einer KI die besten Handlungsinstruktionen und zutreffendsten Einschätzungen extrahieren kann?

Da spezifische Fragen auch spezifische Antworten bewirken, könnte KI in der Lage sein, anhand detaillierter Angaben maximal konkrete Handlungsempfehlungen zu geben, etwa: Ich bin ein 32 Jahre alter Kommunalpolitiker, der in den Landtag einziehen will; mein Umfeld: Kleinstadt mit 12.000 Tausend Einwohner:innen etc. Meine Konkurrent:innen sind 48 und 52 Jahre alt und in folgenden Milieus populär … Was muss ich tun? Bitte gliedere die Antwort in 20 möglichst simple Schritte.

Denkbar wäre auch das folgende Szenario: Man speist berühmte Reden oder die Texte genialer Redenschreiber:innen in die KI ein, nennt eigene Aussagen für einen neuen Redekontext und bittet die KI darum, die eigene Redeskizze in die Tonalität der Vorlage umzuschreiben – oder überhaupt aus einer fragmentarischen Sammlung von Schlagwörtern und der Angabe einer Zielgruppe eine vollständige Rede zu schreiben, die exakt auf ein bestimmtes Auditorium in einer bestimmten politischen Situation zugeschnitten ist (zum Beispiel Wahlkampfrede auf dem Bahnhofsvorplatz in einer ehemaligen Industrieregion).

Aussagen und Prognosen Künstlicher Intelligenz könnten dann einen ähnlichen Stellenwert in der Politik einnehmen wie die Demoskopie, der alerte Blick auf Umfrageergebnisse und Erhebungen.

Fazit: KI und Politik

Jedenfalls: KI beschleunigt Prozesse und kann Aufgaben übernehmen (und damit Jobs ersetzen), die sich häufig wiederholen und anhand des dem Internet entnehmbaren Wissensbestandes lösen lassen – und das in Sekundenschnelle. Es kommt dann weniger darauf an, Texte zu schreiben, zu gliedern und auf eine Zielgruppe zuzuspitzen, als eher darauf, der KI möglichst präzise und zutreffende Angaben zu machen – die Situation und Bedingungen korrekt einzuschätzen – und aus einem Set mehrerer Alternativen die geeignetste auszuwählen. Ein kuratierendes Politikmachen.